Galerie JOBST GÜNTHER  
Galerie: Zeitspuren - Zeitschichten

Achim Hellmich:

Zeitspuren — Zeitschichten

      Gespräch mit dem Berliner Maler Jobst Günther


Jobst Günther kommt auf mich zu und begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln. – Und jetzt, Tage nach unserem Gespräch, sind mir immer noch seine ruhig blickenden Augen, die Nachdenklichkeit seines Gesichtsausdruckes und seine große Gelassenheit in  Erinnerung. Für die Beantwortung der Fragen lässt er sich Zeit, schnelle Urteile sind seine Sache nicht. Auch in seinen Bildern spürt man diese Kraft der Geduld, einen Gestaltungswillen, wie befreit vom Druck der Zeit, nur dem Prozess dessen, was entstehen will, verpflichtet. Wir gehen gemeinsam durch seine Ausstellung. Einige der großformartigen Bilder (140x100 cm) zeigen durchgängig das Bild einer archaisch anmutenden Frauengestalt, die, mehrfach übermalt, aus dem oberen Teil des Bildes auf den Betrachter schaut. Zeitlos und doch jeweils verändert scheint diese Gestalt zu sein, überlagert von verschiedenen Farbschichtungen unterschiedlicher Dichte.

Persephone,
substanzlos geworden in der elektronischen Unterwelt

„Meine Arbeiten erinnern an Kunst, das schließt den Zeitaspekt ein,“ sagt Jobst Günther.
Ich frage nach: „Wenn man etwas erinnert, dann ist es nicht mehr präsent. Verschwindet die Kunst?“
„In der Tat schwindet, so scheint mir, die Kunst täglich schneller. Wohin? Sie wird aufgesogen von Technik, Medien, Design, Werbung, Sport ... einem technisch medialen Betrieb in dem Rennpferde Genies, CD-Spieler musikalisch und Hürdenläufer Künstler sind. Wirklich aktuell ist die Kunst, die diesen Verdampfungsprozess noch beschleunigt – also Teil des Problems ist, nicht länger dessen Lösung.“

Achim Hellmich: Wie setzen Sie sich damit künstlerisch auseinander? Man sieht z.B. diese Frauengestalt, die in den Bildern auftaucht. Ist es eine gerasterte Fotokopie, die dem Bild unterlegt wurde?
Jobst Günther: Richtig. Ein Aspekt dieser „verdampften“ in virtuelle Tröpfchen aufgelösten Realität ist mein Ausgangspunkt: Punkte in Form einer gerasterten Fotokopie, in diesem Fall die einer griechischen Plastik: Persephone, substanzlos geworden in der elektronischen Unterwelt. Aus dieser Unterwelt versuche ich durch den malerischen Prozess wieder herauszukommen. Ziel ist das malerische Bild. Malerisch ist ein Bild, wenn jeder Fleck Teil eines dynamischen Beziehungsgeflechtes ist, das durch rein bildnerische Elemente: Fläche, Farbe, Linie, bestimmt ist.
Und Persephone? Ist sie der Ausgangspunkt und Fixpunkt einer sich wandelnden Zeit?  Taucht sie in ihrer eigenen Gestalt und durch die Malerei in verschiedenen Entwicklungen auf?
Ja, in verschieden Konstellationen und Stimmungen. Und die schaffe ich in der malerischen Gestaltung, das ist meine Freiheit. Persephone wird im Idealfall zur sinnlich wahrnehmbaren „Idee“, womit nicht die der Philosophen, sondern ein Stück imaginative Wirklichkeit gemeint ist. Ich verstehe also meine Arbeiten als die mir mögliche Handlung gegen den Totalitätsanspruch der postmodernen Medienwelt.
Weshalb gerade Persephone, die ja als Tochter von Zeus und Demeter von Pluton geraubt wurde und als seine Gattin zur Herrscherin der Unterwelt wird. Zwei Drittel des Jahres lebt sie in der Oberwelt, ein Drittel in der Unterwelt. Was reizte Sie an diesem Thema? Auch die psychologische Bedeutung?
Die Seele ist nicht „etwas“, ein Ding gar, wie sie in der materialistischen Psychologie gesehen wird. Diese Psychologie wird in der Tat zum Widersacher der Seele. Seele äußert sich in seelisch-geistiger Bewegung, deren Pole im Persephone-Mythos bildhaft zur Darstellung kommen.
Was mich vom Malerischen her inspiriert hat, war der Erscheinungscharakter dieser Gestalt. Ich stelle mir vor, ich gehe in einer griechischen Landschaft spazieren, in einer Gebirgslandschaft und dann ist da ein Moment und es erscheint die Göttin. Dieser Moment des Scheinens, der Lichtcharakter. Und das Momentane, das Überraschende, das wollte ich einfangen.

„Ursprung ist Gegenwart“

Können Sie Ihren malerischen Gestaltungsprozess noch genauer beschreiben?
Gut, der erste Schritt ist die gerasterte Kopie in schwarz-weiß, dann lege ich eine Schicht darüber, meistens gelb und dann beginnt eine zeichnerische Arbeit. Ich habe hier in die Bilder sehr viel hineingezeichnet, mit ziemlicher Heftigkeit. Und dann aus diesem Hell-Dunkel der Zeichnung beginnt die farblich-malerische Arbeit, bei der ich eine Methode benutze, die chaotische, zufällige Prozesse – wie z.B. in der „action painting“ – einbezieht und überwindet.
Ihre Bilder zeigen auf faszinierende Weise eine Verbindung archaischer Elemente und moderner Malerei. Kommen hier Vergangenheit und Gegenwart zusammen?
Von Jean Gebser gibt es das Buch: „Ursprung ist Gegenwart“. Diesen Satz, den finde ich toll. Also, alles Ursprüngliche ist gegenwärtig. Gerade das versuche ich in meinen Bildern zusammenzubringen. Nicht die Vergangenheit wird beschworen, sondern das, was an der Vergangenheit lebendiger Impuls war, wird in ein Gegenwärtiges gebracht. Das ist ein hoher Anspruch , das ist mir klar.
So ist ein Prozess, das Vergangene ist nicht abgeschlossen?
Nein, es muss offen bleiben, sowie es abgeschlossen ist, dann ist der Kitsch nicht fern.
Im 19. Jahrhundert hat die Historienmalerei sich auch mit der Geschichte befasst, aber subjektiv dokumentarisch. Sie wollen mit Ihren Bilder etwas ganz anderes zeigen.
Ich will in meinen Bildern die historischen Prozesse neu aufleben lassen. Nietzsche beschreibt ja „Vor- und Nachteile der Historie für das Leben.“ Leben ist wichtig, der lebendige Aspekt. Anders gesagt: Ich begegne der Vergangenheit, und die Vergangenheit hat die Kraft in mir etwas zu Verlebendigen, Gegenwart zu werden. Das, was ursprünglich ist, empfinde ich als gegenwärtig.
Das ist mir immer wieder so gegangen mit der Kunst, mit der Landschaft in Norwegen oder in Irland oder auch in Büchern bei bestimmten Reproduktionen. Und dieser Kraftimpuls muss in Malerei verwandelt werden. Da nehme ich ein Motiv, das mich bewegt hat und dieses Motiv, wenn ich anfange zu arbeiten, fesselt mich. Übrigens, im Sinne von festhalten. Ich muss es regelrecht überwinden bis es zu einer Balance kommt zwischen dem malerischen Prozess und dem Motiv. Dabei muss allerdings eine Spannung entstehen, wobei der malerische Prozess zunächst wichtiger wird als das Motiv, ja aus diesem Prozess muss das Motiv wieder geboren werden.
Den „alten Griechen“ in der Seele überwinden
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Wenn wir einmal davon ausgehen, dass die Geschichte der Menschheit etwas ist, was im Seelischen des Einzelmenschen seine Spuren hinterlassen hat, dann muss er auf diese Spuren wieder stoßen, aber nicht rückwärtig, in dem er z.B. in die Geist- und Empfindungswelt der alten Griechen geht, sondern ich werde, das Altgriechische, was ich als lebendig in mir empfinde, als Gegenwärtiges neu formulieren. Und in dem Sinne muss ich den „alten Griechen“ in meiner Seele überwinden.
Das ist ja nicht beliebig, sondern es sind doch bestimmte, sicher zentrale Aspekte der jeweiligen Kulturepoche. C.G. Jung nennt sie Archetypen der Menschheit, die in einzelnen Menschen im Unterbewusstsein vorhanden sind. Meinen Sie das?
Ohne jetzt auf Freud oder Jung einzugehen: Ja, ich würde es so nennen, ich denke, es gibt diese Urbilder und wenn man sich ihnen nähert, kommt man in ein Kraftfeld. Das interessiert mich schon. Ein Maler, bei dem ich das sehr stark empfunden habe, der vermutlich meine Bilder gar nicht so zu schätzen würde, ist Max Beckmann. Auch bei Jawlensky finde ich es. Immer wenn man an diese Urbildsphäre herankommt, merkt man: Jetzt wird es spannend.
Bei Jawlensky sind die Bilder aber elementar reduziert.
Ja. Es gibt, ich nenne es einmal so, intuitive Künstler; Josef Beuys gehört dazu. Und es gibt imaginative Künstler. Ich bin eher imaginativ, eigentlich eine Art Bildermacher, der auch ein bisschen illustrativ ist, gar nicht so absolut wie Jawlensky.
Das hängt sicher mit der eigenen Seelenverfassung zusammen?!
Richtig, ich kann nicht wie die anderen arbeiten. Ich muss so arbeiten wie ich es tue. Sicher, ich frage mich angesichts einen Jawlensky oder Beuys: wo sind meinen Fähigkeiten? Und die liegen mehr in dem imaginativen Bereich.

Aus dem Nullpunkt ein Neues formen

Im anthroposophischen Bereich sieht man oft Bilder mit sanften Farbübergängen, viele Farbschichtungen ...
Ich denke, diese rein organische Ideal, das diesen Bildern zugrunde liegt, ist auch so ein Naturideal. Aber eigentlich ist die Bewusstseinsseele etwas, mit der die Natur umgewandelt wird. Also nicht zurück zur Natur, zum Organischen; es heißt diese Brüche und Spannungen, die in unserer Seele leben, zu sehen, aus denen produktiv zu werden.
Bis hin zu den Dekonstruktivisten?
Nein, da sehe ich meine Arbeit auch als Gegenkraft.
Können Sie auf die moderne Strömung der Dekonstruktivisten eingehen? Vielleicht mit einem aktuellen Beispiel?
Gut, zum Beispiel der Popstar Madonna, sie oder ihre „producer“ arbeiten mit dem Archetyp der Madonna. Ähnlich ist es bei anderen Stars aus diesem Genre, Auch im modernen Theater finden wir das. Aber diese Urbilder werden heruntergezogen, gehen ganz ins Destruktive. Das ist jedenfalls nicht meine Richtung, und dennoch meine ich, dass ich aus den chaotischen und destruktiven Kräften auch schaffen muss. Ich versuche die zu heben, ich muss sie verwandeln, während ich die Empfindung habe, die oben erwähnten Künstler versuchen diese Kräfte entweder wie Madonna kommerziell auszuschlachten oder sie so zu bringen wie z.B. Sarah Kane, dass man zu einem absoluten Nullpunkt geführt wird, von dem aus nichts mehr geht, nichts mehr gehen soll. Den Dekonstruktivismus finde ich in sofern berechtigt, als er Altes abbaut, Festfahrendes zerstört. Er führt bis zu dem Punkt, an dem man wieder aufbauen muss, was er allerdings nicht tut. Dieser Dekonstruktivismus beginnt in der Malerei nach dem 1. Weltkrieg und wiederholt sich heute nur noch in allen möglichen Formen. Ich kann es nicht mehr hören. Mir scheint dieser Punkt historisch erreicht und es müsste weiter gehen. Aber ich sehe schon die Installationen mit dem Sandhaufen in der Ecke und Polaridfotos auf der Fußbodenleiste und noch ein durchgeschnittener Haifisch dazu oder irgendwas.
Schlechte Beuys –Epigonen?
Ja, denn Beuys selber hat in seinen Werken immer eine unglaubliche formale Kraft und Disziplin. Er destrukturiert in seinen Werken den traditionellen Kunstbegriff so heftig wie manche Dadaisten einst, gibt aber am „Null–Punkt“ dem ganzen eine Wende, die in die Zukunft weist und zwar durch diese hohe formale Kraft und geistige Disziplin seiner Arbeit. Das vermisse ich heute.
Beuys arbeitet aus dem Nullpunkt heraus, er überwindet, verwandelt ihn.
Genau. In unserer Zeit kann keiner in seiner Biografie diesen Nullpunkt vermeiden. Aber danach bitte keine falsche Harmonie, sondern aus dem Nullpunkt ein Neues formen. Ich selber frage mich: Woher nehme ich die Kraft? Aus dem Destruktionsprozess selbst nicht. Da muss eine Verwandlungskraft errungen werden. Da ist eine Veränderung, ein anderes Denken  nötig. Ja, das ist all das, was Rudolf Steiner angeboten hat, beginnend mit der Philosophie der Freiheit. Gedankenformen anderer Art.
Aber gerade die dunkle, chaotische Seite ist heute so anziehend. Ist es die Nachtseite der Persephone, die reizt?
Sicher, diese Einseitigkeit erlebt man heute besonders. Mich aber interessiert gerade die Spannung zwischen diesen beiden Seiten, die Durchlichtung des Dunklen. Zumindest versuche ich ein dynamischen Gleichgewicht in meinen Bildern zu bekommen.

Bildhaftes und Bewegungslinien

Ich möchte noch einmal auf den Titel der Ausstellung und damit das Thema des Bilderzyklus: „Zeitspuren – Zeitschichten“ kommen. Bei Zeitspuren, da assoziiere ich eine Zeitachse in der Horizontalen, bei Zeitschichten eine Zeitachse in der Vertikalen. Ist das bewusst so gewählt?
Ja schon, aber auf den Bildern ist beides zu entdecken, bei den Chartres–Bildern z.B. das Lineare in den lemniskatischen Bewegungen. Und dann sind da Collagen von den mittelalterlichen Weltschöpfungsmotiven, und die Mittelgestalt ist überlagert von Schichtungen, also Zeitschichten. Es ist gleichzeitig einerseits Maria, andererseits Persephone.
Die Zeitschichten wären die Bilder, das Bildhafte, die Zeitspuren wären die Bewegungslinien?
Ja, es fällt mit jetzt auf, während wir darüber sprechen: Das könnte man wirklich so sagen. Dazu, die Bilder sind von ihrer Entstehung her durch Prozesse gegangen; ich meine die Oberflächen, da hat sich etwas abgelagert, ist wieder runtergenommen worden, wieder eingezeichnet. Das könnte man auch unter dem Aspekt der Spuren sehen. Der Zyklus soll einmal ungefähr 100 Bilder umfassen, zur Zeit sind etwa 40 Bilder. Begonnen habe ich mit den griechischen Motiven, dann ging es über Rom und Chartres mit Abstechern in den Orient und den Norden; so arbeite ich z.B. an den Atlantis–Motiven. Die Bewegung ist also nicht linear.

„Die Kunst ist eine Metapher für die Unsterblichkeit“, diesen Satz habe ich, ich weiß nicht wo, einmal gelesen. Was meinen Sie?
Das ist ein gefährliches Wort. Der unsterbliche Künstler ... Man weiß, sie sind alle gestorben. Man weiß auch, dass die Kunst stirbt. In bestimmten Kulturepochen hat sie ihren Höhepunkt und dann stirbt sie. Sie tritt in bestimmten Zeiten stärker oder auch weniger in das Bewusstsein der Menschen. Beispielweise wurde Rembrandt im frühren 19. Jahrhundert gar nicht geschätzt. Kunst ist LEBEN – Leben, das dem Toten abgerungen ist, und das schließt das mögliche Verschwinden, das Sterben mit ein.
Ich verstehe den Satz anders. In dem Sinne, die Kunst ist ein Element, welches das Leben rechtfertigt und damit ist sie unsterblich.
So ist es gut. Die Kunst rechtfertigt das Leben. Was der Mensch wirklich durchdrungen und verbreitet, neu geformt, neu gefärbt und neu zum Klingen gebracht hat. Was der Weltentwicklung etwas Neues dazufügt, sie weiterführt – das ist im gewissen Sinne unsterblich.
Dafür ist die Kunst eine Metapher ...
... und das künstlerische Tun im weitesten Sinn ist eben der Bereich, in dem dies stattfinden kann – sonst ist es nichts.



Autorennotiz:
ACHIM HELLMICH, geb. 1942 in Köslin/Pommern. Schulzeit in Northeim/Kassel. Studium der Diplompädagogik in Berlin. Tätigkeit als Lehrer an Berliner Grundschulen. Seit 1974 an der PH Berlin (ab 1980 TU) im Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften, schließlich als Akademischer Rat. Seit 2000 freiberuflich tätig als Kulturjournalist und Autor. Veröffentlichung (mit Peter Teigeler): Montessori-, Freinet-, Waldorfpädagogik. Konzeption und aktuelle Praxis, Frankfurt 4. Aufl. 1999. – Adresse: Björnsonstr. 6, 12163 Berlin.
Interview aus „die Drei“ 6/04
 

Jobst Günther Jobst Günther

Galerien:
_ 1. Zeitspuren - Zeitschichten
_ 2. Nietzsche-Serie
_ 3. Soziologie-Serie
_ 4. Zeichnungen

Galerieinformationen:
Titel: Zeitspuren - Zeitschichten
Jahr: 2002-2007
Format: 140x100cm
Material: Mischtechnik,
Papier auf Holz
Anmerkungen:
Interview von Achim Hellmich mit dem Berliner Maler Jobst Günther